Langen - Er ist ein politisches Urgestein: 35 Jahre war Dieter Bahr ehrenamtlich als Kommunalpolitiker für die Stadt Langen und ihre Bürger aktiv. Von Markus Schaible

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(c) Strohfeld

Fürs Foto ein letztes Mal am Rednerpult: 1969 zog Dieter Bahr als Nachrücker erstmals in die Stadtverordnetenversammlung ein, musste allerdings zweimal je vier Jahre pausieren, als die Liberalen 1989 und 1997 an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten. Von Anfang an war er Fraktionsvorsitzender und in Ausschüssen, Kommissionen, Aufsichtsräten und Versammlungen tätig. Dafür wird der frühere Mathematiker in Diensten der Lufthansa über sämtliche Parteigrenzen hinweg geschätzt.
Nun hat der 69-Jährige sein Mandat niedergelegt, um Jüngeren Platz zu machen; in der aktuellen Sitzungsrunde, die gestern Abend begann, ist der FDP-Mann, der immer Vorsitzender seiner Fraktion war, schon nicht mehr dabei. Im Interview mit unserer Zeitung zieht Bahr nun ein Fazit seiner Arbeit – er stellte sich den Fragen von Redakteur Markus Schaible.

Herr Bahr, nach 35 Jahren Arbeit als Stadtverordneter – wie fällt Ihr Resümee aus?
Rundum zufrieden.


Nun waren Sie bis zur Kommunalwahl 2011, als Linke und UWFB mit jeweils einem Abgeordneten ins Rathaus einzogen, immer die kleinste politische Kraft. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Da mussten wir uns schon ein bisschen mehr anstrengen, um gehört zu werden.


Gibt es dennoch Erfolge, die sie sich – alleine oder als Fraktion – auf die Fahnen schreiben würden?
„Deshalb“ – und nicht nur „dennoch“: die Altstadterhaltung. Im August 1972 haben wir – die damalige FDP-Stadtverordnetenfraktion mit Eberhard Wolff und mir – den Grundsatzantrag zur Altstadterhaltung eingebracht. Es folgte ein fünf Jahre währendes parlamentarisches Ringen, bis aus dem „2 FDP dafür – Rest dagegen“ 1977 schließlich ein „einstimmiges Dafür“ wurde.


Was war denn die bitterste Niederlage, die sie politisch einstecken mussten?
Bei der Kommunalwahl 1989 sind wir mit 4,39 Prozent aus dem Parlament geflogen. Und dabei hatte es im Vorfeld doch so gut ausgesehen: So habe ich nach der LZ-Podiumsdiskussion vor der Wahl von den „gegnerischen“ Mitstreitern zu hören bekommen: „Du hast klasse argumentiert …“ Und dann die bittere Realität der gerissenen Fünf-Prozent-Hürde!


Abgesehen von Erfolg und Misserfolg: Ist Ihnen ein Ereignis in ihrer Zeit als Stadtverordneter besonders in Erinnerung geblieben?
Ende 1989 zeichnete sich die „Wende“ mit eindrucksvollen Berichten ab. Da mussten wir „dabei sein“ – und griffen den Hinweis auf Langen in Brandenburg (Kreis Neuruppin) auf. Wir knüpften den Kontakt und bereits im Frühjahr 1990 begann mit der ersten „Langener Begegnung“ eine anhaltende Freundschaft. Das hat den Schmerz der arbeitslos gewordenen Stadtverordneten in freudige Kreativität der Kommunalpolitiker gewandelt.


Sie zogen 1969 erstmals in die Stadtverordnetenversammlung ein. Wie hat sich das politische Klima in Langen seit damals verändert?
Es ist „frontaler“ geworden.


Könnten Sie das etwas genauer definieren?
Wenn früher Meinungsverschiedenheiten auftauchten, dann hieß es „Reden wir mal drüber“. Das wurde dann auch mal karikiert als „Langener Friede – Freude – Eierkuchen“. Das hat sich zu Positionsbeharrungen verhärtet – Konfrontation vor Kooperation.


Generell scheint die Unzufriedenheit der Bürger mit den Politikern – und zwar auch auf kommunaler Ebene – zuzunehmen. Wie erklären Sie sich das?
Die Bürger sehen natürlich diese Politiker mit ihrem Beharren – gebunden in ihre Fronten. Und das missfällt ihnen und sie bauen eigene Positionen auf. Und die sind – auch verbal nachzuvollziehen – auf Beharrungen aufgebaut. Und schon geht’s hin und her: Das haben wir noch nie so gemacht – Das kann ja gar nicht gehen – Ich weiß das sowieso besser. Das kann die Unzufriedenheit nur steigern – auf beiden Seiten.


Wo sehen Sie die Möglichkeit, gegenzusteuern?
Alle sollten Egoismen abbauen und sich mehr dem positiven Denken widmen.


Sie treten in einer Zeit ab, in der die FDP ein miserables Umfrageergebnis nach dem nächsten einfährt. Hat das etwas mit Ihrer Entscheidung zu tun?
Gar nichts. Seit 1965 – meinem Beitrittsjahr zur FDP – gab es viele Hochs und Tiefs: immer bangen vor der Fünf-Prozent-Hürde. In drei Jahren mache ich das im 50. Jahr mit.


Nun hat Parteichef Philipp Rösler ja gerade als „Präsidenten-Macher“ ein Ausrufezeichen gesetzt. Sehen Sie eine Zukunft für die Liberalen in Deutschland?
Nur wer Ausrufezeichen setzt, findet Beachtung. Mende hat das getan, Scheel und Schollwer haben es getan, Genscher und auch Möllemann und Westerwelle haben Ausrufezeichen gesetzt. Da habe ich keine Bange um die Liberalen.


Zum Abschluss noch mal zurück nach Langen. Zu Ihrem Abschied dürfen Sie ein wenig träumen: Wenn Sie ganz alleine im Parlament einen Beschluss fassen dürften – welcher wäre es?
Ich würde das alte Scherer-Gelände nach meinem Traum in eine Markthalle nach dem Muster der Cannery in San Francisco umgestalten.


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"The Cannery" in San Francisco

Langener Zeitung vom 01.03.2012

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